Die Träumerei und das Leben

Wir sollten aufhören, über ihn zu reden, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz, als er die Autotür öffnete. Sonst sind wir außerstande, unseren Auftrag auszuführen.
Du hast recht, sagte der hinter dem Steuer. Wir sollten damit aufhören.

Dann standen beide neben dem Wagen, einer rechts, einer links davon, und schauten hinunter zum Haus, seinem Haus.

Es könnte eine Szene aus einem Fernsehkrimi sein, öffentlich-rechtlich vermutlich, denn die beiden anzugtragenden Männer, deren Blicke synchron über den Zürichsee schweifen, haben nicht nur die Lizenz zum Töten, sie haben auch Skrupel.
Und so sind sie erleichtert, als sie das nicht verschlossene Haus, ein „absolutes Haus, das Unordnung, Schmutz und Abnutzung nicht kannte“, leer vorfinden. In der nüchternen Aufgeräumtheit des minimalistisch eingerichteten Wohnbereichs, in dem der schwarze Esstisch fingerabdruckfrei glänzt, die Couch mit weißem Leder bespannt ist und jedes Buch kuratiert-dekoriert im Regal steht, fällt eine Vinylscheibe auf, die auf dem Teller eines Plattenspielers liegt, während ihre Hülle dahinter an der Wand lehnt.
Kinderszenen, op.15 von Robert Schumann.
Ein Titel, Nummer 7, ist angekreuzt: Träumerei, F-Dur.

Schumanns dreiminütiges Klavierstück, 1838 entstanden, bildet die musikalische Klammer des 1986 spielenden Buches, das – anders als das erste Kapitel es vermuten lässt – kein Kriminalroman ist. Die beiden krawattierten Herren sind Angestellte einer Sterbehilfeagentur, der Hausbesitzer folgerichtig nicht Opfer, sondern Klient. Reto Donati, ein 45-jähriger Spitzenjurist, im diplomatischen Dienst und Anwärter auf das höchste Amt im Bundesgericht, hat seinem Leben aufgrund einer schweren, behandlungsresistenten Depression mit einem „Erlösungscocktail“ ein Ende setzen wollen, Schumanns Träumerei hält ihn davon ab.
Und während die beiden namenlosen Sterbehelfer aus dem Haus und zugleich auch aus der Geschichte verschwinden, sucht Donati über Stunden eine Pianobar in Zürich, in der ihm jemand das kurze Klavierstück vorspielt.
Fündig wird er gegen Mitternacht in einer Spelunke im Zürcher Rotlichtviertel, am Klavier sitzt der siebzigjährige Nico Kaufmann:

Der Pianist blieb sitzen […] dass hier ein solches Stück gewünscht wurde, musste ihn verblüffen. Reglos verharrte er dann noch, als müsste er sich erst zurechtfinden, wandte sich jedoch nicht um. Er wollte offenbar nicht wissen, von wem der Wunsch kam, dieser Wunsch aus einer anderen Welt.
[…] Es verging eine lange halbe Minute, bis der Mann am Klavier begann. 
Der Fremde saß da, ohne sich anzulehnen, die Lider geschlossen.
Zögernd stiegen Töne auf, wie eine Erinnerung an etwas Fernes, aber nie Vergessenes. Der Pianist schien weniger zu spielen, als zu sinnieren und dem nachzulauschen, was seine Finger da erweckten. Diese Musik passte nicht hierher. Doch sie war so leise, dass jeder hinhörte.
Keinem fiel auf, dass der Fremde weinte. Nach wenigen Minuten war alles vorübergezogen. Was nachklang, verbot für ein paar Atemzüge jedes Geräusch.

Kaufmann nimmt den in sich verlorenen Donati mit zu sich und sich seiner an.
Was der Jüngere nicht weiß: Dreißig Jahre zuvor hat Kaufmann ihm schon einmal die Träumerei vorgespielt, in der Bar eines Luxushotels, nachdem sich Donati, der, 15 Jahre alt, dort als Bar- und Etagenkellner arbeitend, beim Anblick eines unbekleideten Hotelgastes erstmals seiner Homosexualität bewusst worden war.

Ich schaffte es, das Tablett abzustellen und die Tür so zu schließen, wie es sich hier gehörte, dann raste ich die zwei Stockwerke hinunter. Vor der Pianobar lehnte ich mich an die Wand. Jeder musste es hören. In meinem Organismus toste eine wahnsinnig gewordene Orgel, in meinem Kopf brüllten sämtliche Priester von Zürich meine gebeteleiernde Mutter nieder, und meine Mädchenfankurve vom Bolzplatz schluchzte dazu. Da kam der Maître den Flur entlang. Ich, untätig an der Wand lehnend, jetzt, bei Hochbetrieb! Bevor er mich erreichte, war ich bereits drin. Im Saal war es entsetzlich still. Die Gäste still, der Pianist still. Dann begann er ein Stück, das ich nicht kannte. Es war leise und unendlich weit, und es kam ganz von innen her.
Nach wenigen Minuten war es vorüber. Ich konnte nicht anders, ich musste zu ihm gehen. Was war das?, fragte ich, bitte, was war das? Er sah mich an, lange, prüfend, wohlgefällig. Ja, was war das? Er lächelte. Eine Träumerei. Er strich mir übers Haar. Die Träumerei aus dem Kinderszenen.

Seit diesem Tag, nunmehr drei Jahrzehnte lang, hat Donati sein Begehren, das Katholizismus und Karriereleiter ihm auszuleben verboten, unterdrückt, bis Depressionen sich einstellten und die Sehnsucht nach dem Tod schlussendlich so mächtig wurde, dass er assistierten Suizid in Anspruch nehmen wollte.

Das heimliche Begehren ist Kaufmann nicht fremd, in Donatis Geschichte entdeckt er Parallelen zu seiner eigenen Biografie. Ende der 1930er-Jahre war er der erste Schüler des Starpianisten Wladimir Horowitz und mehr noch: Beide führten eine intensive, leidenschaftliche, von Heimlichkeiten überschattete Beziehung, die mit der Emigration des Juden Horowitz in die USA ein schmerzvolles Ende fand.
Von dieser lustvoll-bitteren Verbindung erzählt Der Klavierschüler und liefert zugleich, exemplarisch verdichtet, einen Überblick über die Kriminalisierung und Verfolgung Homosexueller im 20. Jahrhundert.  

Kaufmann Horowitz
Nico Kaufmann (1916 – 1996) und Wladimir Horowitz (1903 – 1989), Ende der 1930er Jahre

Kaufmann nimmt den 25 Jahre jüngeren Donati mit auf eine Reise zu den Schicksalsorten seiner Amour fou und ihm damit „die Angst, nicht richtig zu leben“.
Zuletzt sitzen beide vor dem Fernseher in Donatis Haus am Zürichsee und schauen die Live-Übertragung von Horowitz‘ Konzert in Moskau, in dem er als erste Zugabe Schumanns Träumerei spielt.

Bei den ersten Tönen von Schumanns Träumerei erhob sich Donati.
So verharrte er bis zum Schluss, als die Kamera verriet, dass Horowitz weinte. Und dass er links in den Flügel griff, wo zusammengefaltet sein großes weißes Taschentuch lag. Und dass er sich die Tränen wegschnäuzte und den nassen Lappen zurücklegte.
Donati stellte das Gerät aus.
Er drehte sich nicht um zu Kaufmann, er redete in das dunkle Geviert hinein.
Als er spielte, verlor er die Angst. Die Angst vor dem Tod?
Unsere Angst ist weniger die Angst vor dem Tod, als die Angst, nicht richtig zu Leben, sagte Kaufmann. 
Hat er geweint, weil er an das dachte, was er getan hat?
Ich glaube, weil er an das dachte, was er nicht getan hat.

Es dürfte dieses Video sein, dass Lea Singer zu der Rahmenerzählung um Donati und Kaufmann inspiriert hat. Grundlage des auf Tatsachen beruhenden Romans sind die Briefe des weltbekannten Klaviervirtuosen Horowitz an den 13 Jahre jüngeren Arztsohn Kaufmann, die die Autorin in der Zürcher Zentralbibliothek einsehen konnte.
Aus diesen Dokumenten gestaltete sie mit großem Einfühlungsvermögen nicht nur die Geschichte einer verbotenen Liebe, sondern auch das Portrait eines Künstlers, der in der Musik das fand, was ihm das Leben nicht vergönnte.

Lea Singer Der Klavierschueler © Marc Lippuner//

Lea Singer: Der Klavierschüler.
Kampa Verlag 2019
208 Seiten, 19,80€
ISBN 978-3-8973-9695-1

//

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Die Träumerei und das Leben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s