Propaganda, manieriert

Ich habe Gabriel Wolkenfeld im Herbst 2015 auf einer Lesung erlebt. Er saß da auf einem abgewetzten, verschnörkelten Sessel; eine metallene Stehlampe, die den Eindruck erweckte, als wüsste sie, dass sie da nicht hingehört, stand schief daneben und beleuchtete dürftig die mit einer verkümmerten Zimmerpflanze und opulenten Kunstblumen ausgestaltete Bühne. Als Wolkenfeld anhob zu lesen, bekam diese Szenerie etwas Skurriles: Da saß dieser schlanke, junge Mann mit den dunklen Haaren und dem hellen Hipster-Pullover in diesem traurigen Bühnenensemble und aus seinem Mund perlten Sätze, die so kostbar zu sein schienen, dass man sie direkt von seinen Lippen auffangen und auf Watte betten mochte. Die manierierte Art, mit der Wolkenfeld aus seinem Debütroman vortrug – zart, aber bestimmt, voll gespreizter Monotonie, die Worte eine Spur zu langsam, einen Hauch zu deutlich artikuliert – schien kalkuliert. Ein Umstand, der mich befremdete und zugleich anzog, weil der eigenwillige, artifizielle Tonfall so gut zu den eigenwilligen, artifiziellen Sätzen passte, die, über ein Mikrofon verstärkt, im Raum leise widerhallten.

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Als ich – Monate später – das Buch zu lesen beginne, habe ich diese entrückte Stimme sofort wieder im Ohr, hüllt mich diese seltsame Stimmung unmittelbar wieder ein. Sie nimmt mich mit nach Jekaterinburg, ans östliche Ende Europas, wo Pelmeni in Milch baden, Zucker im Kaffee ertrinkt und Schnee sich in dicken Flocken träge durch die Luft bewegt. Der Erzähler, den man mit dem Autor gleichsetzen möchte, ist wegen eines Lehrauftrags hierher gekommen. Deutsch soll er unterrichten und tut dies – wenngleich nicht ganz ohne Widerstand gegen das autoritäre Lehrmodell der russischen Universitäten. Die Lehrstunden, die er gibt, bleiben jedoch Randnotizen in seinem Erlebnisbericht; es sind die Lektionen, die ihm erteilt werden, die den Reiz des Romans ausmachen: Sein Staunen über die Willkür staatlicher Bürokratie wird unser Staunen, seine Irritation über das Verhalten des im Schwulenchat klargemachten russischen Freundes wird unsere Irritation – zu berlinfreigeistig sind unsere Einstellungen, um begreifen zu können, was es wirklich bedeutet, in einer Gesellschaft wie der russischen aufzuwachsen und mit seiner Homosexualität klarkommen zu müssen. Trotz zwangsverordneter Gesundheitschecks, kafkaesker Stempelsammelei und einer aufdringlichen Verehrerin verbringt der Erzähler mit perfektem Schwiegersohnlächeln und leichtfertiger Überheblichkeit furchtlose Monate in der Zuckerbäckerstadt am Ural, tanzt auf geheimen Schwulenpartys, hat anonyme Sexdates oder vögelt sich durch den überschaubaren Bekanntenkreis, bügelt über aufkeimende Verliebtheiten hinweg und belächelt die Angst seiner Freunde vor staatlichen Repressionen gegenüber Homosexuellen. Bis die Duma im Juni 2013 ein föderales Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ beschließt. Ein letztes Mal gehen die Freunde aus und propagieren heimlich, was nun offiziell verboten ist:

„Wir tanzen. In einem Raum, der größer ist als die paar Quadratmeter, die man unseren Schritten zugesteht. Wir tanzen in einem Raum, der – so scheint es zumindest – ohne Zeit auskommt. Ich habe gelernt zu tanzen. Ich habe gelernt, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Wie ich diesen Schuhen wieder beibringen soll, innezuhalten, ist mir ein Rätsel.“

Zurück in Berlin, wächst die Sorge, kommt die Wut. Während die Freunde über illegale Ausreise nachdenken oder ihr Leben in Jekaterinburg weiterzuleben versuchen, werden Videos im Netz hochgeladen, die zeigen, wie schwule Teenager gefoltert werden. In Deutschland formiert sich Protest: Es gibt Solidaritätskundgebungen und Demonstrationen, Forderungen den Mund aufzumachen, weil genug genug ist. #PutinMyAss! Falk Richter schreibt Small Town Boy. Barbie Breakout näht sich den Mund zu. Wortgewalt und Sprachlosigkeit.

Wir Propagandisten ist Gabriel Wolkenfelds Protest. Keiner der laut herausgeschrieen wird, wie der, den Thomas Wodianka in Small Town Boy artikuliert. Kein Wutmonolog, keine Agitation, sondern eine eigenwillige Liebeserklärung an die russischen Freunde, die keine Stimme mehr haben. Zarte, aber bestimmte Propaganda, die leise – und vor allem lange – in einem widerhallt.

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Gabriel Wolkenfeld: Wir Propagandisten
Hamburg: Männerschwarm 2015.
Roman, 232 Seiten, 19 €  
ISBN 978-3863002015

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