Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

// Mein Kamerad – Die Diva.
Eine Ausstellung im Schwulen Museum* Berlin. Herbst 2014 //

SAM_5141Der Ort der Ausstellung mochte ebenso in die Irre führen wie ihr Titel. Das war aber auch ganz gut so, da das Thema der Ausstellung selbst ja ebenfalls für Irritationen sorgte.
Mein Kamerad – Die Diva versammelte Fotos, Videos, Schriftstücke und andere Exponate, die Theateraufführungen an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs dokumentierten.
Mit seiner Fokussierung auf die Frauendarsteller in diesen frauenfremden Orten sah sich das Schwule Museum* bereits seit der Planungsphase immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob denn alle Damenimitatoren (ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für dieses altmodisch anmutende Wort) auch homosexuell gewesen seien. Naheliegend und absurd zugleich diese Frage: Dass Männer in Frauenkleidern und Homosexualität sich nicht ausschließen, wissen wir alle, dass es beim Militär oder in Gefängnissen immer wieder zu gleichgeschlechtlichen Handlungen kommt, kann aber auch nicht – und das gilt für damals ebenso wie für heute –  als Zertifikat für Homosexualität gelten.

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Wäre diese automatisierte Verknüpfung von Travestie und Homosexualität auch vollzogen worden, wenn die Ausstellung beispielsweise im Deutschen Historischen Museum oder im Martin Gropius Bau gezeigt worden wäre?
Das Schwule Museum*, das sich spätestens seit seinem Umzug 2013 und mit dem Sternchen hinter dem Namen offensiv auch der Kulturgeschichte anderer sexueller Identitäten zuwendet, hatte sich mit der Ausstellung weit über die männlich-homosexuelle Bettkante hinaus gelehnt, indem es eine Crossdressing-Geschichte fortschrieb, die im Theater seit der Antike Tradition hat und weniger über die Sexualität des Schauspielers aussagt als vielmehr über Profession und Perfektion.

Die Imitation auf zahlreichen der Fotografien war perfekt: Aus dem Ausstellungskontext gerissen, ließen sich viele der dort abgelichteten Frauen nicht als Männer identifizieren. Die Diva als unerreichbarer, gefeierter Bühnenstar (also in der nicht abwertenden Begriffsbedeutung des 19. Jahrhunderts) wurde im Damenimitator zur doppelten Illusion, weil sich im Frontkameraden auch die Abwesenheit wirklicher Frauen manifestierte.
Diese Wirklichkeit des Krieges, das Auseinanderreißen von Familien, das Heimweh, die Angst im Schützengraben oder den Alltag im Gefangenenlager, das alles zeigte die Ausstellung nicht. Vermutlich ist so etwas auch gar nicht möglich. Die Auslage eines beim §175 aufgeschlagenen Strafgesetzbuches mutete lediglich an wie der unnötige Versuch, die Wahl des Ausstellungsortes zu legitimieren. Eine Soldatenuniform mit Pickelhaube und einige Wandmalereien reichten nicht aus, um das schreckliche Umfeld, in dem an der Front und in den Lagern Theater gespielt wurde, auch nur annähernd sichtbar zu machen. Man verlor sich dafür auch viel zu schnell und viel zu gerne in den zahlreichen, zum Teil winzigen Details der Fotografien, die die Versuche visualisierten, für einige Stunden die Realität vergessen zu können.

Die sepiagetönten, vergilbten Fotografien dokumentierten eine erschreckend friedliche Seite des ersten Weltkrieges, der vor etwas über 100 Jahren begann. Lange her, mag man denken, bis man am Schluss der Ausstellung auf diese fummelfreie, damals kaum zwei Jahre alte Version von Damenimitation an der Front stieß:

Die unterhaltame Seite des Krieges. Und die im Raum stehende Frage, wie viele dieser Marines heute wohl noch leben?

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Mein Kamerad – Die Diva. Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs war vom 5. September bis 30. November 2014 im Schwulen Museum* zu sehen.

Am 8. November 2014 fand begleitend ein Symposium in der Humboldt-Universität statt, darüber hinaus erschien eine Publikation. Das Gesamtprojekt wurde gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

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Nicht nur, weil die Ausstellung eine größere Zielgruppe ansprach als der Museumsname es vermuten lässt, sondern auch, weil ich das Schwule Museum* als ernstzunehmende Bildungs- und Forschungseinrichtung (mit einer großartigen Bibliothek und einem Archiv voller Schätze) sowie als wichtigen Berliner Kulturstandort ins Bewusstsein rücken wollte, nahm ich mit diesem Beitrag an einer Blogparade teil. Tanja Praske sammelte persönliche Kultur-Tipps. Dies war meiner.

// (ml)
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(Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst am 25. Oktober 2014 auf meinem Blogspot-Blog, mit dessen Handhabung ich jedoch sehr unglücklich bin. Einzelne Beiträge werden daher überarbeitet hier übernommen.)
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